stehend wartete er auf ihr kommen, wie fast täglich, am fenster im zweiten stock, des hauses, ihr gegenüber, überblickte dessen hauseingang, kannte ihre fenster, wo sie alleine wohnte. manchmal trug sie noch arbeitskleidung, ein blaues top, v-auschnitt, sie arbeitete in einer klinik, oder praxis, er schätzte sie auf anfang vierzig, 42, auf 1,76m, auf 54 kilo, auf maximal einmal verheiratet, evangelisch, kinderlos, er versuchte sich zu erinnern, was er noch in sie hineingesehen, an vermutungen anstellte, sie und ihr leben betreffend. sie fuhr einen renault, der mitunter tagelang unten stand, an der ecke. heute war sie verspätet, für einen dienstag, wo sie recht zuverlässig gegen 18:40 eintraf, -5 und +10 minuten in der varianzbreite, selten ein ausreiser dabei. es war jetzt 17 nach sieben, er ging in die küche, schaute nach seinem eintopf grüner bohnen, ging zurück ans fenster, gerade gingen ihre lichter an, er hatte sie verpasst. er stellte ihr nicht nach, das einzige foto, hatte er wieder gelöscht, er betrachtete sie, durch den ausschnitt, der ihm gegeben war, von hier oben und gegenüber, durch die öffnung seines fensters. ihre vorhänge die sie gewöhnlich zuzog, blieben heute offen, was ihn verwunderte, erschreckte, da er wusste, er würde sie beobachten wollen, und nicht sicher war, ob er sich das erlauben durfte. sie konnte es nicht vergessen haben, sie war zuverlässig wie ein uhrwerk, warum um himmels willen blieben die vorhänge offen, dachte er. sie hatte sich umgezogen, trug jetzt ein kleines schwarzes, hatte ein glas in der hand und ging aufs fenster zu und schaute ihn an. er hielt ihrem blick stand, jetzt musste aber etwas geschehen und er winkte ihr zu, sie prostete ihm zu, drehte sich, winkte zurück, mit ihrer linken, öffnete das fenster, und verschwand. die türe unten war verschlossen, er klingelte, nachdem er alle namen gelesen, den stockwerken, den parteien, links und rechts zugeordnet hatte, und hoffte. fast unhörbar öffnete der elektrische schnapper, er trat ein, in ein dunkel, wartete kurz, bis seine augen sich eingewöhnt hatten, nahm mutig die ersten stufen terrazzo, er glaubte den leisen duft eines parfums wahrzunehmen, nahm die geräusche wahr, des hauses, sein mut verließ ihn zusehends, seine schritte langsamer und tastend nun, er bog gerade um die ecke, auf halber höhe zum zweiten geschoß, als die türe aufging, sie trat heraus. alain, danke, daß du meiner einladung gefolgt bist, schön daß gekommen bist, komm, komm rein. er hörte musik aus ihrer wohnung, der duft des parfums, wohl ihres, wurde intensiver, es könnte chanel sein, no 5, new edition, was er kürzlich verschenkte. hallo, rief er ihr zu, guten abend, beschleunigte seine schritte, um dynamisch zu wirken, sie verspürte sein bemühen, lächelte ein offenes, leichtes lächeln, was ihr gut stand, ihn vertrauen liess, auf alles weitere, eventuelle. jetzt, kurz vor den letzten stufen erkannte er die musik, glenn gould sang, begleitete das temperierte clavier. du kennst die musik, ich weiß, ich habe sie wahrgenommen, aus deiner wohnung. er war mehr als verblüfft, könntest du bitte deine schuhe ausziehen, ach, ich bin Rahel, ich meine, ich heiße Rahel, sonst wärs ja ein biblischer kontext, haha, die du von deinen betrachtungen kennst, was mir nicht verborgen blieb, auch ich habe dich wahrgenommen, vor längerer zeit schon. seine verblüffung nahm weiter zu, eine bewunderung überfiel ihn, gleichsam, sie ergriff seine hand und sie liefen den langen flur entlang, sich berührend in ihren hüften, er ergriff nun ihre hand, umschloss sie, was sie ebenso beantwortete. die musik wurde lauter, er blieb stehen, hielt sie zurück, wohin gehen wir, Rahel, flüsterte er, du gehst mit mir, in meinen garten, wo es blüht, für dich, Alain, wo ich alles bereit halte, für dich, falls du magst. ich will Rahel, ich will Dich Rahel, er fühlte dem klang des ausgesprochenen namens nach, Rahel, beugte sich langsam über sie, zog sie an sich, ihr kleid fiel plötzlich, wundersam, er erspürte ebenso plötzlich ihre nacktheit, den duft, der von ihr aufstieg, sie drückte sich fester an ihn, verspürte ihn schon, er küsste sie, stetig, wie ein herabfallender wasserfall, aus der ferne betrachtet, langsam, rauschend, ihren garten aufsuchend, zuerst über ihm zu schweben, ihn dann betretend, benetzend mit seinen küssen, er hörte seinen namen rufen, er antwortete nicht. sie waren nun beide überrascht, über dieses wunder, von ihr zwar vorbereitet, den boden dafür bereitet, aber die einfachheit des geschehens, die so leichte, zärtliche zuwendung, füreinander, fügungsgleich, ließ sie beide zurück, als betrachter, nicht als protagonisten nur.


