zuerst kommt das fressen und dann die moral. der ursprung dieser setzung, nun ins gegenteil verkehrt, bezogen auf die unersättlichen, obszönen herrschaften.
er ging hinüber zur ecke, überquerte diagonal den boulevard, trat ein in das blumengeschäft mit dem namen les fleurs du bon, mit der irischen Rose, der blumenhändlerin, die ihm die weißen pfingstrosen versprach, für heute, die er als schmuck seiner behausung, ein zimmer unter dem dach mit vermutlich 15 qm, vorsah, für den abend. er erwartete besuch, Maeve, die schwester von Rose, die ein wort bei ihrer schwester für ihn einlegte, sie wollte er bewirten, mit einem kleinen menue, zu diesem tete a tete, was zusammen mit den rosen sein monatsbudget mehr als strapazierte, er dann sicher pleite war, tante Helene würde anpumpen müssen, seine patentante, die ihn bei seinem späten philosophie studium, welches sie durchaus befürwortete, dennoch nur widerstrebend und gelegentlich mit kleinen zuschüssen versah. Maeve war sicher wesentlich jünger als ihre schwester, die er auf ende zwanzig schätzte, die einen vergleichbar robusten, irischen ausdruck in ihrem gesicht trug, das dennoch mit feinen zügen versehen war, aber ihre hände von fast nobler art waren, beinahe zart, opaque im weiß, im vergleich zu denen ihrer schwester, die von ihrer arbeit gezeichnet waren, kräftig, fast muskulös und fleischfarben. die tage von Quiberon kamen ihm in erinnerung, der ernste vater, die verzweifelte mutter, mit einer absurden dramaturgie, in deren verlauf er sich lossagte, nach Paris zog, in das besagte zimmer, als nachtkontrolleur der Metro sich verdingte, als metzgersgehilfe schnell wieder das weite suchte, als faktotum eines herrschaftlichen anwesens, ähnlich dem der eltern, zumeist die kinder und deren schularbeiten betreute, und nun, nach anfänglichen hürden, einer anstellung nach ging, in der brasserie Lipp, worüber er mehr als glücklich war, als ungelernter und studienabbrecher der klassischen philologie.

seine studien der philosophie, an der sorbonne, wollte er ausrichten, deren weiteren verlauf, der deutschen philosophie widmen, zumal Heidegger, eine schon fast französische tradition, aber eben auch und natürlich Nietzsche, Kant und Cassirer, wobei letzterer in der spärlichen rezeption hierzulande, sein hauptziel war und er bereits eine promotion andachte, kant und das problem der metaphysik, vor dem hintergrund der philosophie der symbolischen formen Ernst Cassirers, betitelt. er lächelte über die anspielung auf ein werk Heideggers*. Maeve verspätete sich. der einfach wundervolle strauss von pfingstrosen thronte, zu groß, auf dem kleinen, ovalen marmortischchen, dem er mittels zweier holzkisten, die beigestellt, nun auch platz boten, für die kleinen köstlichkeiten, die er zubereitete und zu servieren gedachte. um sich die nicht enden wollende wartezeit angenehm zu gestalten, trank er die flasche wein und aß sich satt, an dem mahl, was ursprünglich für zwei gedacht war und dachte an ihre hände, die er nun, unangefasst, wie alles andere von ihr, verschob, wie den angerichteten tisch, die rosen, die verlorene zeit, auf der erneuten suche, a la recherche du temps de l’avenir. gespräche von ganz unten im haus drangen zu ihm vor, schritte wahrnehmbar auf der steintreppe, näherkommend, dann auf den holzstufen, leise, immer langsamer werdend, vorsichtig, fast tastend, dann ihr ruf mit fester stimme, Stefane, mach bitte das licht an. er war am rande der verzweiflung.