{"id":10507,"date":"2026-06-04T16:53:44","date_gmt":"2026-06-04T16:53:44","guid":{"rendered":"https:\/\/alanrolsky.site\/?p=10507"},"modified":"2026-06-09T16:37:11","modified_gmt":"2026-06-09T16:37:11","slug":"das-leben-der-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/alanrolsky.site\/?p=10507","title":{"rendered":"das leben der anderen"},"content":{"rendered":"<p>stehend wartete er auf ihr kommen, wie fast t\u00e4glich, am fenster im zweiten stock, des hauses, ihr gegen\u00fcber, \u00fcberblickte dessen hauseingang, kannte ihre fenster, wo sie alleine wohnte. manchmal trug sie noch arbeitskleidung, ein blaues top, v-auschnitt, sie arbeitete in einer klinik, oder praxis, er sch\u00e4tzte sie auf anfang vierzig, 42, auf 1,76m, auf 54 kilo, auf maximal einmal verheiratet, evangelisch, kinderlos, er versuchte sich zu erinnern, was er noch in sie hineingesehen, an vermutungen anstellte, sie und ihr leben betreffend. sie fuhr einen renault, der mitunter tagelang unten stand, an der ecke. heute war sie versp\u00e4tet, f\u00fcr einen dienstag, wo sie recht zuverl\u00e4ssig gegen 18:40 eintraf, -5 und +10 minuten in der varianzbreite, selten ein ausreiser dabei. es war jetzt 17 nach sieben, er ging in die k\u00fcche, schaute nach seinem eintopf gr\u00fcner bohnen, ging zur\u00fcck ans fenster, gerade gingen ihre lichter an, er hatte sie verpasst. er stellte ihr nicht nach, das einzige foto, hatte er wieder gel\u00f6scht, er betrachtete sie, durch den ausschnitt, der ihm gegeben war, von hier oben und gegen\u00fcber, durch die \u00f6ffnung seines fensters. ihre vorh\u00e4nge die sie gew\u00f6hnlich zuzog, blieben heute offen, was ihn verwunderte, erschreckte, da er wusste, er w\u00fcrde sie beobachten wollen, und nicht sicher war, ob er sich das erlauben durfte. sie konnte es nicht vergessen haben, sie war zuverl\u00e4ssig wie ein uhrwerk, warum um himmels willen blieben die vorh\u00e4nge offen, dachte er. sie hatte sich umgezogen, trug jetzt ein kleines schwarzes, hatte ein glas in der hand und ging aufs fenster zu und schaute ihn an. er hielt ihrem blick stand, jetzt musste aber etwas geschehen und er winkte ihr zu, sie prostete ihm zu, drehte sich, winkte zur\u00fcck, mit ihrer linken, \u00f6ffnete das fenster, und verschwand. die t\u00fcre unten war verschlossen, er klingelte, nachdem er alle namen gelesen, den stockwerken, den parteien, links und rechts zugeordnet hatte, und hoffte. fast unh\u00f6rbar \u00f6ffnete der elektrische schnapper, er trat ein, in ein dunkel, wartete kurz, bis seine augen sich eingew\u00f6hnt hatten, nahm mutig die ersten stufen terrazzo, er glaubte den leisen duft eines parfums wahrzunehmen, nahm die ger\u00e4usche wahr, des hauses, sein mut verlie\u00df ihn zusehends, seine schritte langsamer und tastend nun, er bog gerade um die ecke, auf halber h\u00f6he zum zweiten gescho\u00df, als die t\u00fcre aufging, sie trat heraus. alain, danke, da\u00df du meiner einladung gefolgt bist, sch\u00f6n da\u00df gekommen bist, komm, komm rein. er h\u00f6rte musik aus ihrer wohnung, der duft des parfums, wohl ihres, wurde intensiver, es k\u00f6nnte chanel sein, no 5, new edition, was er k\u00fcrzlich verschenkte. hallo, rief er ihr zu, guten abend, beschleunigte seine schritte, um dynamisch zu wirken, sie versp\u00fcrte sein bem\u00fchen, l\u00e4chelte ein offenes, leichtes l\u00e4cheln, was ihr gut stand, ihn vertrauen liess, auf alles weitere, eventuelle. jetzt, kurz vor den letzten stufen erkannte er die musik, glenn gould sang, begleitete das temperierte clavier. du kennst die musik, ich wei\u00df, ich habe sie wahrgenommen, aus deiner wohnung. er war mehr als verbl\u00fcfft, k\u00f6nntest du bitte deine schuhe ausziehen, ach, ich bin Rahel, ich meine, ich hei\u00dfe Rahel, sonst w\u00e4rs ja ein biblischer kontext, haha, die du von deinen betrachtungen kennst, was mir nicht verborgen blieb, auch ich habe dich wahrgenommen, vor l\u00e4ngerer zeit schon. seine verbl\u00fcffung nahm weiter zu, eine bewunderung \u00fcberfiel ihn, gleichsam, sie ergriff seine hand und sie liefen den langen flur entlang, sich ber\u00fchrend in ihren h\u00fcften, er ergriff nun ihre hand, umschloss sie, was sie ebenso beantwortete. die musik wurde lauter, er blieb stehen, hielt sie zur\u00fcck, wohin gehen wir, Rahel, fl\u00fcsterte er, du gehst mit mir, in meinen garten, wo es bl\u00fcht, f\u00fcr dich, Alain, wo ich alles bereit halte, f\u00fcr dich, falls du magst. ich will Rahel, ich will Dich Rahel, er f\u00fchlte dem klang des ausgesprochenen namens nach, Rahel, beugte sich langsam \u00fcber sie, zog sie an sich, ihr kleid fiel pl\u00f6tzlich, wundersam, er ersp\u00fcrte ebenso pl\u00f6tzlich ihre nacktheit, den duft, der von ihr aufstieg, sie dr\u00fcckte sich fester an ihn, versp\u00fcrte ihn schon, er k\u00fcsste sie, stetig, wie ein herabfallender wasserfall, aus der ferne betrachtet, langsam, rauschend, ihren garten aufsuchend, zuerst \u00fcber ihm zu schweben, ihn dann betretend, benetzend mit seinen k\u00fcssen, er h\u00f6rte seinen namen rufen, er antwortete nicht. sie waren nun beide \u00fcberrascht, \u00fcber dieses wunder, von ihr zwar vorbereitet, den boden daf\u00fcr bereitet, aber die einfachheit des geschehens, die so leichte, z\u00e4rtliche zuwendung, f\u00fcreinander, f\u00fcgungsgleich, lie\u00df sie beide zur\u00fcck, als betrachter, nicht als protagonisten nur.<\/p>\n\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Cheepnis (Live At The Roxy, Hollywood\/1973)\" width=\"620\" height=\"465\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ckEP8KN2710?list=PLRPxeFO4wThGjT799OFpQZocPKpuf303e\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>stehend wartete er auf ihr kommen, wie fast t\u00e4glich, am fenster im zweiten stock, des hauses, ihr gegen\u00fcber, 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